Praxis-Test: Schweißrauch - die unterschätzte Gefahr
Wer schweißt, kennt den metallischen Geschmack und den unangenehm beißenden Geruch des Schweißrauches. Das Risiko sollte bekannt sein. "Da muss ich eben durch", ist dennoch häufig von Werkzeug-Profis zu vernehmen. Müssen sie wirklich? Fragen nach der tatsächlichen Gefahr des Rauches und nach wirksamen Arbeitsschutz verlangen fundierte Klärung. Außerdem muss den einschlägigen Absaugsystemen in der Praxis auf den Zahn gefühlt werden. Den praktischen Anwendungstest durchliefen der Schweißrauchabsauger PHV von Euromate, ein Schweißbrenner mit integrierter Rauchabsaugung von Abicor Binzel und das Atemschutzsystem Adflo von 3M.
| Was ist Schweißrauch eigentlich? Neben Ozon und CO/CO2 besteht er hauptsächlich aus im Lichtbogen verdampftem Metall, das in winzigen Teilchen (Partikeln) in die Luft gelangt. Dabei sind diese Teilchen so klein, dass sie lungengängig sind. Weder die Nasenhaare noch die Flimmerhärchen der Luftröhre hindern sie am Eindringen in die Lunge. Da ein Auswurf durch Husten nicht möglich ist, müssen die Ablagerungen vom Körper aufgelöst werden. So gelangen die Stoffe schließlich ins Blut - mit zum Teil ernsten Konsequenzen, worauf zum Bespiel Professor Dr. Thomas Kraus hinweist. Der Arbeitsmediziner an der RWTH Aachen kennt die Gefahr der verschiedenen Stoffe: |
Stoff | Gefahrengrad | Krankheitsbild |
Unlegierter Baustahl | Mittel | Die "Eisenlunge" ist eine im Röntgenbild sichtbare Ablagerung des Eisen-Oxidstaubes. Nach einiger Zeit kann der Körper die Staubablagerung auflösen. Der Prozess ist also reversibel. Atem-beschwerden bestehen in der Regel nicht. |
Aluminium | Hoch | Die "Aluminiumlunge" ist ebenfalls auf dem Röntgenbild zu sehen. Im Gegensatz zur Eisenlunge steht hier der Körper den Ablagerungen machtlos gegenüber. Der Patient leidet an Atemnot und Kreislaufproblemen. |
Legierte Stähle / Edelstahl | Sehr hoch | Durch die sehr hohen Anteile an Chrom und Nickel bei hoch legierten Stählen gelangen auch hohe Dosen dieser Substanzen in die Lunge, wo sie dann aufgelöst ins Blut gelangen. Sie können dann nur schwer abgebaut werden und Krebs erzeugen. |
Ozon | Mittel | Ozon ist ein Reizgas, das die Atmung belastet und die Schleimhäute reizt. Eine länger andauernde Belastung kann zu allergischen Reaktionen führen. Kopfschmerz und Atemwegsbeschwerden können auftreten. Meistens ist dieser Prozess reversibel. |
CO | Hoch | Kohlenmonoxid kann beim MAG Schweißen in Lichtbogen entstehen. Es ist bereits in geringen Dosen giftig. Schon ein Prozent Kohlenstoffmonoxid in der Luft führt zu Bewusstlosigkeit und innerhalb weniger Minuten zum Tod. |
"Ein großes Problem ist zudem, dass der Schweißer sein Werkstück-Material oftmals nicht eindeutig zu bestimmen weiß", gibt Professor Kraus zu bedenken. Beschichtungen sind schwer zu erkennen und die Stähle bestehen oft aus unbekannten Stoffen. Auch die Bestandteile der Zusatzstoffe sind dem Schweißer vor Ort häufig unbekannt. Daher sei in jedem Fall der Kontakt mit dem Schweißrauch zu vermeiden, mahnt Arbeitsmediziner Kraus.
| Viele wissenschaftliche Studien zeigen die Gefahr des Schweißrauchs. Zum Beispiel errechnete Obmann Wiegand, der bei der norddeutschen Metallberufs-Genossenschaft Hannover (NMBG) für Absaug- und Lüftungstechnik zuständig ist: "In einer unbelüfteten Halle mit den Maßen 10 x 25 x 4 Meter (Rauminhalt also 1000 Kubikmeter) wird durch einen einzigen Schutzgasschweißer, der Massivdraht verwendet, der Grenzwert von drei Milligramm pro Kubimeter bereits nach fünf Minuten überschritten. Bei der Verwendung von Fülldraht sogar schon nach einer Minute." "Selbst unter Einhaltung aller Grenzwerte atmet ein Schweißer immer noch etwa zehn Gramm Schweißrauch pro Jahr ein", zeigte eine Untersuchung des Schweißgeräte-Hersteller Rehm. Schweißrauchsauger - die Lösung? Zwei Typen technisch ausgereifter Schweißrauchabsauganlagen können hier Abhilfe schaffen: Niederdruck- und Hochdruckanlagen. Niederdruck-Anlagen sind in der Regel große Geräte. Mit niederem Druck, aber hohem Volumendurchsatz saugen sie den Schweißrauch mittels eines Trichters direkt über der Schweißstelle ab. Hochdruck-Anlagen sind dagegen kleinere, tragbare Geräte. Mit hohem Unterdruck, dafür aber mit geringem Durchsatz saugen diese den Schweißrauch ab. Sie sind ohne Einschränkung für Absaugbrenner geeignet und können Schweißrauch direkt an der Entstehungsstelle absaugen. |
| Im Test: Schweißrauchabsauger PHV von Euromate Dem Test von werkzeugforum.de stellte sich der Schweißrauchabsauger PHV von Euromate. Diese kleine und leichte Anlage erwies sich in Sachen Absaugleistung als sehr leistungsstark. Auch das Handling der Anlage war unkompliziert: Mit einem Aus- und Einschalter, einer Zweistufenschaltung sowie einer Quittierung des Filteralarms sind alle nötigen Bedienelemente beisammen. Besonders sei die Automatik hervorgehoben: Hierzu wird das Massekabel des Schweißgeräts in eine Mulde gelegt. Mit einem internen und staubdichten Sensor misst der Sauger, wann Strom durch das Massekabel fließt. Sofort wird die Absaugung aktiviert. Um ein ständiges An- und Abschalten des Saugers zu verhindern, läuft er noch eine kurze Zeit nach. |
| Die PHV ist in zwei Varianten erhältlich: In der Standardausführung und in der BIA Ausführung. In der letzteren Variante wird die Funktion des Filters überwacht, in dem der Durchfluss der Luft gemessen wird. Ist der Filter verstopft, gibt die PHV lautstark Alarm. Der Filterwechsel geht locker von der Hand: einfach die seitlichen Verschlüsse öffnen, das Motorteil abnehmen und das Hauptfilter tauschen. Schneller geht’s kaum. Lediglich die Bedienungsanleitung ist verbesserungsfähig: Einige Arbeitsschritte sind unklar formuliert. Oft hilft nur das Lesen des englischen Textes, um die Funktionsweise verstehen zu können. Aber wer hat schon beim Schweißen ein Wörterbuch griffbereit? Euromate bietet zu den Absauganlagen verschiedene Trichter an. Ein stabiler Magnetfuß hält diese auf der Arbeitsplatte, möglichst nahe der Schweißstelle. Es ist wirklich erstaunlich, aus welcher Entfernung die PHV mit einem solchen Trichter den Rauch "verschwinden" lässt. Diese Art der Absaugung scheint für das WIG Schweißen optimal. Für lange Nähte mit Stabelektroden bietet Euromate eine Schlitzdüse an. Auch diese funktionierte im Test einwandfrei. |
| Praxis-Test: Schweißbrenner mit integrierter Rauchabsaugung Für das Schweißen im MIG/MAG Verfahren jedoch ist ein Schweißbrenner mit integrierter Rauchabsaugung das Mittel der Wahl. Im Test war der MIG/MAG-Rauchgas-Absaugbrenner RAB Plus 24 KB von Abicor Binzel. Dieser Brenner besteht aus drei Teilen: Im Inneren wird der Schweißdraht geführt. Weiterhin wird das Schutzgas zur Schweißstelle transportiert. Zusätzlich wird der Schweißrauch Richtung Sauger transportiert und in einem Anschlussstück direkt vor dem Schweißgerät ausgeleitet. Ein flexibler Anschlussschlauch verbindet dann die Ausleitungsstelle mit dem Absauger. |
| Um den Schweißrauch abzusaugen verfügt der Brennerkopf über schlitzartige Öffnungen an der Vorderseite. Die gängige Befürchtung Brenner mit integrierter Rauchabsaugung seien klobig und unhandlich kann abgetan werden! Das Werkzeug von Abicor Binzel liegt gut in der Hand und ist kaum schwerer als ein Standardbrenner. Das Absaugergebnis kann sich sehen lassen: Wie von Geisterhand saust der Rauch in die Düse. Aber Vorsicht! Wird die Düse falsch eingestellt, besteht Gefahr, dass das Schutzgas abgesaugt wird - jeder Schweißer kennt die Folgen! Sollte dieses dennoch geschehen, so kann man bei diesem Brenner an der Oberseite einen kleinen Schieber öffnen und somit bewusst die Saugleistung reduzieren - schnell ist die richtige Einstellung gefunden und die Arbeit kann konzentriert weitergehen: Ziel ist natürlich eine saubere Naht. |
| Aktiver Arbeitsschutz: Atemschutzsystem Adflo von 3M Ungeheuer wichtig ist es, den Schweißrauch direkt an seiner Entstehungsstelle abzusaugen. Jedoch wäre es illusorisch anzunehmen, das ließe sich vollständig bewerkstelligen. Ein Teil des gefährlichen Rauches wird immer an den Düsen vorbei und in den Raum gelangen. Hier ist weiterer Arbeitsschutz gefragt. Seit vielen Jahren sind Automatikschweißhelme auf dem Markt und leisten den Schweißern gute Dienste: Durch die automatische Abdunklung des Schildes ist eine Betrachtung der Schweißstelle vor und nach dem Zünden des Lichtbogens möglich - der Qualitätskontrolle sei Dank! |
| Von 3M Speedglas beispielsweise gibt es zu den Schweißhelmen eine Ergänzung: Den Adflo - ein aktives Filtersystem mit Gebläse und Akkubetrieb. Dieses System wird am Gürtel getragen und lässt die Luft durch ein Partikelfilter strömen. So gereinigt wird die saubere Luft in den Schweißhelm geblasen. Durch den entstehenden Überdruck kann wirkungsvoll das Eindringen von Schadstoffen von außen verhindert werden. Der Schweißer atmet also saubere Luft. Doch mehr noch: Das Klima unter dem oft stickigen Helm wird extrem verbessert. Wo bislang Schwitzen unter der "Käseglocke" normal war, streicht nun ein angenehmer Luftstrom über Stirn und Gesicht. Schwitzen beim Schweißen ist somit passé. |
| Aus Gründen der Sicherheit wird auch beim Adflo der Luftstrom überwacht. Setzt sich das Partikelfilter zu, erhöht das Gebläse die Förderleistung, um den Luftstrom konstant zu halten. Ist das Filter derart verstopft, dass der Mindestluftstrom nicht mehr erbracht werden kann, so warnt ein lautes Piepsen vor der Gefahr: Ein Filterwechsel ist angebracht. Eine andere Anwendung der Filtereinheit ist der Vollgesichtsschutz "Clear Visor". Diese gigantische Schutzbrille bietet eine perfekte Rundumsicht und dank des Filtergebläses eine saubere Atmosphäre. Vorbei ist der metallische Geschmack und die beschlagene Schutzbrille. Ein wahrlich neues Arbeitsgefühl.
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| Lästige Geräusche scheinen die Achillesferse des Adflo zu sein. Nach einiger Zeit nervt das Lüftersurren spürbar. Hier argumentiert 3M mit dem üblichen Lärmpegel in den Werkstätten. Über einen Schalldämpfer wäre hier sicherlich nachzudenken. Im Test konnte das Problem mit Ohrenstöpseln gelöst werden. Andere Arten des Gehörschutzes eignen sich nicht, da sie mit dem Helm kollidieren. Insgesamt ist das Adflo ein sehr gutes Beispiel für die Kombination von Arbeitschutz und Komfort. |
| Arbeitsplatzorganisation: Karton oder Systainer? Der Hersteller 3M bietet seine Helme ausschließlich im Karton an. Dagegen geht Schweißtechnik-Hersteller Rehm als Distributor neue Wege: Auf Wunsch werden die Helme im bewährten Tanos Systainer vertrieben. Klarer Vorteil: Eine robuste Verpackung bietet Schutz und Sauberkeit auf der Baustelle oder in der Werkstatt. Schließlich handelt es sich doch um eine sehr persönliche Schutzeinrichtung. Sauberkeit und Hygiene genießen daher hohe Priorität. |
| Im Systainer-System lassen sich überdies alle benötigten Einzelteile der Schweißausrüstung vom Rauchabsaugbrenner bis zum Winkelschleifer sicher verpacken. Mit den seitlich angebrachten Verschlüssen lassen sich die Plastikboxen koppeln und so gemeinsam leicht transportieren. |
| Test-Fazit: Rauchgefahr komfortabel gebannt Schweißrauch ist kein harmloser "Qualm". Arbeitsschutz ist daher dringend geboten! Erfreulicherweise kann mit dem richtigen Gerät für Arbeitssicherheit gesorgt werden, ohne dass größere Störungen für die Schweißer auftreten. Im Gegenteil steigern die richtigen Schutzmaßnahmen sogar den Arbeitskomfort. Wer freut sich nicht über frische, saubere Luft bei der Arbeit? Dr. Ing. A. Steingaß - 2007 (S) |
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