Wenn das Leben an der Schraube hängt
Der Befestigung trauen können, das ist beim Klettern lebenswichtig. Genau hinschauen und die Verbindungstechnik zwischen Anker, Schrauben, Haken, Ösen, Seilen und Ringen prüfen tut Not.
| Klettern ist Trendsport. Den hohen Anforderungen an die künstlichen Steilhänge beim Indoor-Klettern, werden nur Top-Material, technisches Kalkül und professionelle Umsetzung gerecht. Ein Menschenleben hängt an jeder Schraube der Kletterwand, sie muss sicher sitzen. Wer den Kampf mit der Schwerkraft selbstbewusst aufnimmt, denkt nicht ständig über die komplexen technischen Bedingungen nach, die sein Kraxeln erst sicher und abwechslungsreich machen. "So spannende Kletterrouten wie die Natur sie vorgibt, können wir auf unserer Kletteranlage selbstverständlich nicht bieten", schmunzelt Georg Hoffmann, Betriebsleiter des Kletterzentrums Stuttgart. "Wir punkten aber mit Flexibilität und Abwechslung", macht der Handwerksmeister deutlich. |
| Mehr als 30 Routen werden pro Monat auf der rund 1900 Quadratmeter großen Kletterfläche der Halle neu gesetzt und verschraubt. Keine der gut 200 Routen des Indoorbereichs ist innerhalb eines Jahres mehr die alte. Die Abwechslung kommt gut an: Die Kletterhalle ist voll – alle wollen hoch hinaus. Vom vierjährigen Dreikäsehoch bis zum Rentner mit künstlicher Hüfte sind hier alle Leistungs- und Altersklassen vom Klettern begeistert. Sportlich-spielerische Abwechslung geht einher mit technischer Sicherheit: Eine Holz- und Stahlkonstruktion scheint aus den Sichtbeton-Fundament der eigens entworfenen 16 Meter hohen Kletterhalle in die Höhe zu wachsen – der Holzanteil überwiegt dabei deutlich. Steil ausgerichtete Multiplexplatten liegen über der stützenden Konstruktion der Kletterwände. Die mehrfach verleimten Holzplatten werden durch eine Kombination von Gerüststahl und Holzbalken – unsichtbar für die Kletterer – zusammengehalten. Plastisch geformter glasfaserverstärkter Kunststoff |
| (GFK) sorgt für Felswand-Feeling und erhöht den Schwierigkeitsgrad der Kletterrouten. "In jede der circa 50.000 Durchbohrungen der Wandgrundfläche lässt sich ein Klettergriff festschrauben", erklärt Maschinenbau-Ingenieur Daniel Hummel, der die Kletterwände als Chefroutenplaner und Sachverständiger betreut. Ein metallener Gussflansch, der ein metrisches Gewinde und eine kleine, verzinkte Stahlplatte vereint, ist in jede Durchbohrung von hinten eingesetzt. Die zugängliche Rückseite der Holz- und GFK-Front-Konstruktion zeigt, dass das Gussteil durch zwei |
| Spax-Schrauben gegen Verdrehen gesichert ist.Wer sich nicht gerade am "Bouldern" versucht, dem ungesicherten Klettern über eine kurze Distanz, kommt außerdem an den 900 felsenfesten Sicherheitspunkten der Kletterhalle nicht vorbei. Auf dem Weg an die Spitze müssen sich die Kletterer von Sicherheitspunkt zu Sicherheitspunkt kämpfen, um dort das Seil durch einen Karabinerhaken zu sichern. Eine besondere Konstruktion (DIN EN 12572) befestigt diese unbeweglichen "Sicherheitshaken" in der Holzwand: Eine solide M12-Schraube hält einen handlangen, speziell gefertigten Gussflansch in der Kletterwand. Gegen Verdrehen wird der Metallflansch zusätzlich durch eine von vorne geführte Schraube gesichert. Bombenfest wird die Konstruktion durch zwei herkömmliche Gerüststahlrohre, die hinter jedem Sicherheitspunkt zusammenlaufen und das Gussteil zusätzlich fixieren. |
| Im Freien des Kletterzentrums sind für insgesamt 100 weitere Routen circa 40 Seil-Sicherungslinien aus Kontaktankern mit Mörtel in der Spritzbeton-Kletteranlage befestigt. Bis zu 80 Routen gleichzeitig können am Kunstmassiv durch die Anordnung der einzelnen Sicherheitspunkte erklettert werden. Die Indoor-Sicherheitsgriffe haben ihre Feuerprobe schon bestanden. Beim Aufbau der Kletterwände war der gewaltige Fünf-Tonnen-Hubsteiger in der Halle gekippt und gegen die Wand gekracht: Betriebsleiter Hoffmann stand plötzlich eingezwängt zwischen Kletterwand und Hubsteiger. Befreit wurde der Handwerksmeister indem durch einen der "Sicherheitshaken" einen Seilzug führte und der Hubsteiger weggezogen wurde. Der TÜV ließ das rettende Gussteil später zwar auswechseln, doch die Konstruktion hatte ihre Leistungsfähigkeit anhand der fünf Tonnen Last eindrucksvoll demonstriert. |
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