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Eisenwarenmesse 2026 – Türkiye setzt auf Europa

Interview mit Cetin Tecdelioglu (İDDMİB) zu Lieferketten, Exporten und neuen Marktchancen

Cetin Tecdelioglu, Präsident des İstanbul Demir ve Demir Dışı Metaller İhracatçıları Birliği (İDDMİB)

Wie entwickelt sich die Eisenwarenbranche im Spannungsfeld aus schwächelndem Bausektor, neuen CO₂-Vorgaben und veränderten Lieferketten? Auf der Eisenwarenmesse 2026 zeigt sich: Türkische Hersteller setzen gezielt auf Europa. Cetin Tecdelioglu, Präsident des Exportverbands İDDMİB, ordnet die aktuelle Lage ein – und erklärt, warum Nearshoring, Nachhaltigkeit und neue Marktstrategien an Bedeutung gewinnen. Was bedeutet das konkret für den europäischen Markt?

Wer ist der İDDMİB?

Der İstanbul Demir ve Demir Dışı Metaller İhracatçıları Birliği (İDDMİB) ist der Verband der Istanbuler Exporteure von Eisen- und Nichteisenmetallen. Er vertritt zahlreiche Unternehmen der Metall- und Eisenwarenindustrie und bündelt deren Exportinteressen.
Mehr Informationen: www.turkishmetals.org/en

Türkische Aussteller auf der Eisenwarenmesse 2026

Werkzeugforum: Herr Tecdelioglu, wir haben uns zuletzt auf der Eisenwarenmesse 2024 unterhalten. Damals waren in Köln rund 130 türkische Unternehmen vertreten, in diesem Jahr sind es 91. Woran liegt diese Entwicklung – und welche Rolle spielen dabei die aktuelle Wirtschaftslage sowie die internationale Wettbewerbssituation?

Cetin Tecdelioglu: Der Rückgang der Ausstellerzahl im Vergleich zu 2024 ist auf das Zusammenwirken mehrerer Faktoren zurückzuführen. Zunächst hat sich das globale wirtschaftliche Umfeld in den vergangenen zwei Jahren deutlich volatiler entwickelt. Das verlangsamte Wachstum in Europa, hohe Zinsen sowie insbesondere die Schwäche im Bausektor haben – wie in vielen anderen Industriezweigen – auch die Eisenwaren- und Verbindungselementeindustrie beeinflusst.

Hinzu kommt, dass die Kosten für die Teilnahme an internationalen Messen in den letzten Jahren spürbar gestiegen sind. Schwankende Energiepreise, höhere Logistikkosten und Wechselkursentwicklungen führen dazu, dass Unternehmen ihre Teilnahme an internationalen Veranstaltungen sorgfältiger abwägen.

Der Rückgang der Teilnehmerzahl bedeutet jedoch keine Abschwächung des Sektors. Im Gegenteil: Ein Teil der Unternehmen konzentriert seine Exportaktivitäten stärker auf ausgewählte Zielmärkte. Firmen, die an großen internationalen Leitmessen wie der Eisenwarenmesse teilnehmen, verfolgen in der Regel das Ziel, Produkte mit höherer Wertschöpfung zu präsentieren, technologieorientierte Lösungen vorzustellen und langfristige Geschäftspartnerschaften aufzubauen. In diesem Sinne vertreten die 91 türkischen Unternehmen, die in diesem Jahr vor Ort sind, den Sektor sehr überzeugend.

Der Rückgang der Teilnehmerzahl bedeutet keine Abschwächung des Sektors.
Cetin Tecdelioglu, Präsident des İDDMİB

Auch die Visaverfahren haben einen Einfluss auf die Teilnahme. Insbesondere in einigen europäischen Ländern, allen voran in Deutschland, haben sich die Verfahren verlängert, und die Zahl der erteilten Visa ist teilweise begrenzter. Dies betrifft nicht nur ausstellende Unternehmen, sondern auch Fachbesucher. Zudem beobachten wir, dass im aktuellen geopolitischen Umfeld und angesichts gestiegener Sicherheitsanforderungen Teilnehmer aus verschiedenen Ländern ihre Reisepläne verschieben. Diese Entwicklung ist nicht auf Türkiye beschränkt, sondern wirkt sich allgemein auf die internationalen Teilnahmestrukturen großer Fachmessen aus.

Europa als Kernmarkt

Werkzeugforum: Mehr als 40 Prozent der Exporte Ihrer Branche gehen in die Europäische Union, Deutschland ist sogar der wichtigste Einzelmarkt. Wie stabil ist diese Nachfrage aktuell – und sehen Sie neue Chancen für türkische Hersteller im europäischen Markt?

Cetin Tecdelioglu: Europa ist seit vielen Jahren der wichtigste Absatzmarkt für die türkische Eisenwaren- und Metallwarenindustrie. Im Jahr 2025 erreichte der Export des Sektors rund 11,96 Milliarden US-Dollar, davon gingen 40,2 Prozent in die EU-Mitgliedstaaten. Der Anteil Europas insgesamt am Gesamtexport liegt bei etwa 62,5 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen die sehr enge wirtschaftliche Verflechtung mit dem europäischen Markt.

Deutschland ist dabei mit Abstand der wichtigste Einzelmarkt. Die Exporte nach Deutschland erreichten 2025 ein Volumen von rund 1,26 Milliarden US-Dollar. Die starke industrielle Basis und das breit aufgestellte Produktionsökosystem der deutschen Wirtschaft sorgen für eine langfristig stabile Nachfrage nach türkischen Industrie- und Metallprodukten.

Deutschland ist mit Abstand der wichtigste Einzelmarkt.

Für die kommenden Jahre sehen wir im europäischen Markt vor allem in drei Bereichen neue Chancen. Erstens sehen wir Wachstumspotenzial im Segment hochwertiger technischer Produkte mit hoher Wertschöpfung. Zweitens beobachten wir eine steigende Nachfrage nach Lieferanten, die nachhaltige Produktionsstandards erfüllen. Drittens zeigt sich bei europäischen Unternehmen zunehmend die Tendenz, ihre Lieferketten zu diversifizieren und stärker in geografisch näher gelegene Produktionsstandorte zu verlagern.

Diese Entwicklungen eröffnen türkischen Herstellern zusätzliche Chancen im europäischen Markt.

„Made in Europe“

Ein weiterer aktueller Trend in Europa ist die zunehmende Diskussion um einen stärkeren industriellen Eigenanteil unter dem Stichwort „Made in Europe“. Im Rahmen neuer industriepolitischer Strategien der Europäischen Union wird die Stärkung strategischer Wertschöpfungsketten und eine stärkere regionale Verankerung der Produktion betont. In diesem Zusammenhang wird in offiziellen Stellungnahmen häufig hervorgehoben, dass Türkiye durch die Zollunion eng in das europäische Industrie-Ökosystem integriert ist und in vielen Branchen als verlässlicher Teil der europäischen Wertschöpfungsketten gilt. In aktuellen industriepolitischen Debatten wird zunehmend die Auffassung vertreten, dass Produktion in Türkiye als Bestandteil der europäischen Produktionsnetzwerke zu betrachten ist. Diese Entwicklung stärkt die Position türkischer Hersteller im europäischen Markt zusätzlich.

Die Türkei ist durch die Zollunion eng in das europäische Industrie-Ökosystem integriert.

Türkiye verfügt über eine leistungsfähige industrielle Infrastruktur, Produktionskapazitäten auf europäischem Qualitätsniveau und durch die Zollunion über eine enge wirtschaftliche Integration mit der EU. Für viele europäische Abnehmer ist das Land daher ein wettbewerbsfähiger und zugleich in die europäischen Lieferketten eingebundener Partner.

Lieferketten, Nearshoring und Geopolitik

Werkzeugforum: Viele europäische Unternehmen suchen derzeit nach stabileren und geografisch näheren Lieferketten. Kann die Türkei von dieser Entwicklung profitieren – und beobachten Sie bereits konkrete Verlagerungen von Produktion oder Beschaffung nach Türkiye? Ist in diesem Zusammenhang auch eine spürbare Verschiebung von chinesischen hin zu türkischen Zulieferern zu erkennen?

Cetin Tecdelioglu: In den vergangenen Jahren hat eine deutliche Neuordnung der globalen Lieferketten eingesetzt. Pandemie, geopolitische Spannungen und logistische Störungen haben viele Unternehmen dazu veranlasst, ihre Beschaffungsstrukturen widerstandsfähiger zu gestalten. Begriffe wie „Nearshoring“ und „Friendshoring“ gewinnen in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung.

Wir beobachten, dass europäische Unternehmen ihre Lieferantenportfolios zunehmend diversifizieren und verstärkt mit Herstellern in Türkiye zusammenarbeiten.

Türkiye befindet sich in dieser Entwicklung in einer sehr vorteilhaften Position. Die geografische Nähe zu Europa, eine starke industrielle Basis, flexible Produktionsstrukturen und gut ausgebaute logistische Verbindungen machen das Land zu einem wichtigen Beschaffungsstandort. Die Möglichkeit, europäische Märkte innerhalb weniger Tage zu beliefern, stellt insbesondere in zeitkritischen Branchen einen erheblichen Vorteil dar.

Wir beobachten, dass europäische Unternehmen ihre Lieferantenportfolios zunehmend diversifizieren und verstärkt mit Herstellern in Türkiye zusammenarbeiten. Dies gilt vor allem für Metallteile, Verbindungselemente und technische Komponenten. China bleibt weiterhin ein zentraler Akteur in der globalen Produktion, doch viele europäische Abnehmer integrieren zusätzliche, verlässliche Beschaffungsstandorte wie Türkiye, um Risiken zu streuen und Lieferketten stabiler zu gestalten.

Green Deal und CBAM

Werkzeugforum: In unserem Gespräch vor zwei Jahren erwähnten Sie das Motto Ihrer Mitgliedsunternehmen „Für eine grünere Zukunft“. Heute wirkt dieser Ansatz besonders aktuell – fast schon prophetisch. Denn mit dem europäischen Green Deal und dem CO₂-Grenzausgleichssystem CBAM verändern sich die Rahmenbedingungen für internationale Lieferanten deutlich. Wie bereitet sich die türkische Eisenwarenindustrie auf diese Anforderungen vor – etwa beim Einsatz erneuerbarer Energien, beim Recycling oder bei der Emissionsdokumentation?

Cetin Tecdelioglu: Der Europäische Green Deal und der seit 2026 vollständig geltende Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) markieren eine neue Phase im internationalen Handel. Wettbewerb wird künftig nicht mehr allein über Preis und Qualität entschieden, sondern zunehmend auch über den CO₂-Fußabdruck und die Umweltwirkungen der Produktion.

Wettbewerb wird künftig nicht mehr allein über Preis und Qualität entschieden, sondern zunehmend auch über den CO₂-Fußabdruck und die Umweltwirkungen der Produktion.

Die türkische Eisenwaren- und Metallindustrie bereitet sich aktiv auf diese Transformation vor. Viele Unternehmen investieren in energieeffiziente Produktionsanlagen, bauen den Einsatz erneuerbarer Energien aus und entwickeln systematische Verfahren zur Emissionsmessung und -berichterstattung.

Ein wichtiger Vorteil des Metallsektors ist der hohe Anteil recycelbarer Rohstoffe. Materialien wie Stahl, Aluminium und Kupfer lassen sich in Kreislaufwirtschaftsmodellen sehr effizient wiederverwenden. Entsprechend gewinnt der Einsatz von Recyclingmaterialien in der Produktion zunehmend an Bedeutung.

Der Einsatz von Recyclingmaterialien in der Produktion gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Darüber hinaus werden im Sektor umfangreiche Maßnahmen zur Überwachung von Emissionen, zur Einführung transparenter Berichtssysteme und zur Modernisierung energieintensiver Produktionsprozesse umgesetzt. Diese Transformation ist nicht nur notwendig, um den Zugang zum europäischen Markt zu sichern, sondern auch, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Ein zusätzlicher Vorteil für Türkiye ist seine geostrategische Lage. Das Land befindet sich an der Schnittstelle zwischen Europa, dem Nahen Osten, Nordafrika und Zentralasien. Diese Position ermöglicht nicht nur einen schnellen Zugang zum europäischen Markt, sondern auch die Anbindung an ein breites regionales Handelsnetz. Mit einer leistungsfähigen Logistik, flexiblen Produktionsstrukturen und hohen Qualitätsstandards übernehmen türkische Hersteller eine immer sichtbarere Rolle in internationalen Lieferketten. Türkiye entwickelt sich damit zunehmend nicht nur zu einem Produktionsstandort, sondern auch zu einem verlässlichen Handels- und Distributionshub.

CBAM einfach erklärt

Der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) ist das CO₂-Grenzausgleichssystem der EU. Es gilt seit dem 1. Januar 2026. Ziel ist es, sogenanntes „Carbon Leakage“ zu verhindern, also die Verlagerung CO₂-intensiver Produktion in Länder mit geringeren Umweltstandards. Dafür müssen Importeure künftig für die in Produkten enthaltenen Emissionen zahlen – ähnlich wie im EU-Emissionshandel. Betroffen sind unter anderem Eisen und Stahl, Aluminium, Zement, Düngemittel, Elektrizität und Wasserstoff. Für die Praxis bedeutet das: CO₂ wird zum Kostenfaktor, die Dokumentation gewinnt an Bedeutung und Lieferketten rücken stärker in den Fokus.

Zukunft der Branche

Werkzeugforum: Wenn Sie auf die nächsten fünf Jahre blicken: Welche technologischen oder wirtschaftlichen Entwicklungen werden die türkische Eisenwarenindustrie Ihrer Einschätzung nach am stärksten prägen?

Cetin Tecdelioglu: Für die kommenden Jahre sehen wir mehrere zentrale Trends:

  • Erstens die Digitalisierung und Automatisierung der Produktion. Intelligente Fertigungssysteme, Datenanalysen und robotergestützte Prozesse erhöhen die Effizienz und sorgen zugleich für gleichbleibend hohe Qualitätsstandards.
  • Zweitens wird Nachhaltigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Energieeffizienz, CO₂-Management und Kreislaufwirtschaft werden die Wettbewerbsfähigkeit direkt beeinflussen. Besonders für Unternehmen, die im europäischen Markt tätig sind, ist Fortschritt in diesen Bereichen keine Option mehr, sondern Voraussetzung.
  • Drittens wird die weitere Neuordnung der Lieferketten eine wichtige Rolle spielen. Globale Produktionsnetzwerke entwickeln sich zunehmend in Richtung regionaler und flexibler Strukturen. Die geografische Nähe zu Europa und die starke industrielle Basis verschaffen Türkiye in diesem Umfeld klare Vorteile.
Besonders für Unternehmen, die im europäischen Markt tätig sind, ist Fortschritt in diesen Bereichen keine Option mehr, sondern Voraussetzung.

Schließlich wird auch Innovation und Produktdiversifizierung an Bedeutung gewinnen. Die Ausrichtung auf technisch anspruchsvolle Produkte mit hoher Wertschöpfung wird eine der wichtigsten Strategien sein, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen nachhaltig zu stärken.

Werkzeugforum: Herr Tecdelioglu, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Fazit

Europa bleibt der zentrale Absatzmarkt für die türkische Eisenwaren- und Metallwarenindustrie. Gleichzeitig zeigen sich deutliche Veränderungen bei Lieferketten, Nachhaltigkeitsanforderungen und Produktionsstrategien. Themen wie Nearshoring, CO₂-Management und technologische Weiterentwicklung werden die Branche in den kommenden Jahren prägen.

Das Interview führte Josef Schneider

 

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