Home NewsAuszeichnung Plagiarius 2026: Wenn Produktpiraterie zum Sicherheitsrisiko wird

Plagiarius 2026: Wenn Produktpiraterie zum Sicherheitsrisiko wird

Von Sanitärtechnik bis Fake-Shops – warum Fälschungen Qualität, Haftung und Markttransparenz gefährden

Der „Plagiarius“-Zwerg steht symbolisch für dreisten Innovationsklau. Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Am 6. Februar 2026 wurde der Negativpreis Plagiarius im Rahmen der Messe Ambiente zum 50. Mal verliehen. Ziel der Aktion ist es, Bewusstsein für den Wert geistigen Eigentums zu schaffen und auf die wirtschaftlichen, sicherheitstechnischen und gesellschaftlichen Folgen von Produktpiraterie aufmerksam zu machen.

12 Millionen Pakete täglich

Die folgenden Zahlen unterstreichen die Dimension:

  • 2024 wurden in der EU über 112 Millionen gefälschte Artikel beschlagnahmt
  • Geschätzter Warenwert: 3,8 Milliarden Euro
  • 4,6 Milliarden Pakete mit geringem Warenwert gelangten 2024 aus Drittländern in die EU
  • Das entspricht mehr als 12 Millionen Paketen pro Tag

Produkt- und Markenpiraterie ist damit längst kein Randphänomen mehr, sondern ein strukturelles Problem des globalen Online-Handels.

Die Hauptpreise 2026

1. Preis: Babyflaschen-Set „AVEAT“ statt „AVENT“

Links das Original „Philips Avent Natural Response“, rechts die Fälschung „AVEAT“. Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Links das Original „Philips Avent Natural Response“, rechts die Fälschung „AVEAT“.
Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Die Jury zeichnete die Fälschung eines Babyflaschen-Sets des Originals „Philips Avent Natural Response“ aus. Gerade bei Produkten für Neugeborene steht Sicherheit an erster Stelle. Die Fälschungen wurden zu einem Fünftel des Originalpreises angeboten. Laut Pressemitteilung bestehen erhebliche Zweifel an Materialqualität, hygienischen Produktionsbedingungen und Sicherheitskontrollen.

2. Preis: Waschtischmischer „AXOR MyEdition“

Links der originale Waschtischmischer „AXOR MyEdition“, rechts die Fälschung aus einem chinesischen Netzwerk. Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Links der originale Waschtischmischer „AXOR MyEdition“, rechts die Fälschung aus einem chinesischen Netzwerk.
Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Ein professionell agierendes Fälscher-Netzwerk kopierte Design und Marken des Waschtischmischers „AXOR MyEdition“ der Hansgrohe SE. Produziert wurde arbeitsteilig, beworben mit Originalfotos und verkauft zu Spottpreisen über Online-Shops. Drei Hauptverantwortliche wurden verhaftet.

3. Preis: Designklassiker „Stapelliege“

Oben das Original der Stapelliege (Design: Rolf Heide), unten das nahezu identische Plagiat. Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Oben das Original der Stapelliege (Design: Rolf Heide), unten das nahezu identische Plagiat.
Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Auch Möbel sind betroffen: Die „Stapelliege“ von Rolf Heide wurde nahezu identisch kopiert. Das Plagiat kostete nur ein Fünftel des Originals, zeigte jedoch deutliche Qualitätsmängel und mangelhafte Passgenauigkeit.

Sonderpreise 2026

Sonderpreis „Plagiats-Tsunami“

Originale Koziol-Bestecke „KLIKK“ (rechts vorne) und zahlreiche Online-Plagiate im Vergleich. Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Originale Koziol-Bestecke „KLIKK“ (rechts vorne) und zahlreiche Online-Plagiate im Vergleich.
Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Unzählige Kopien der Koziol-Bestecke „KLIKK“ und „KLIKK Pocket“ überfluten Online-Plattformen. Trotz regelmäßiger Meldungen können identische Angebote immer wieder hochgeladen werden. Wirtschaftsverbände fordern deshalb ein gesetzlich verankertes „Stay-Down-Gebot“.

Sonderpreis „Fake-Shop“

Original-Shop von GERMENS (links) und täuschend echt gestalteter Fake-Shop (rechts). Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Original-Shop von GERMENS (links) und täuschend echt gestalteter Fake-Shop (rechts).
Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Komplett gefälschte Online-Shops, die Logo, Texte und Produktbilder übernehmen und nach Zahlung keine Ware liefern, wurden ebenfalls ausgezeichnet. Der Fall zeigt: Produktpiraterie endet nicht beim kopierten Artikel – auch ganze Shops werden gefälscht.

Weitere Produktfälschungen

Im Rahmen des Plagiarius 2026 hat die Jury weitere, besonders dreiste Produktfälschungen ausgezeichnet.

  • Nachahmungen eines Busch-Jaeger-Schalterprogramms
  • Gefälschte Philips OneBlade-Ersatzklingen
  • Kopierte Koziol-Sektgläser
  • Technisch kopierter Gebäckformer mit Funktionsdefiziten
  • Fälschung des thermochromen Tintenrollers „PILOT FriXion“

Die Bandbreite zeigt: Kaum eine Branche bleibt verschont – von Sanitärtechnik über Konsumgüter bis hin zu industriellen Maschinen.

Rückblick 2025: Plagiate als SicherheitsrisikoVDE-Schraubendreher von Wiha. Links das geprüfte Original des Herstellers, rechts die 2025 ausgezeichnete Fälschung, die sicherheitstechnischen Anforderungen nicht erfüllte. Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

VDE-Schraubendreher von Wiha. Links das geprüfte Original des Herstellers, rechts die 2025 ausgezeichnete Fälschung, die sicherheitstechnischen Anforderungen nicht erfüllte.
Quelle: Aktion Plagiarius e.V.Dass Fälschungen nicht nur wirtschaftlichen Schaden verursachen, sondern auch Sicherheitsrisiken bergen können, zeigte der Wettbewerb im Vorjahr.

2025 wurde unter anderem die Fälschung eines isolierten VDE-Schraubendrehers von Wiha ausgezeichnet. Im Gegensatz zum Original erfüllte die Kopie weder die Anforderungen der DIN EN IEC 60900 noch hielt sie sicherheitstechnischen Prüfungen stand.

Gleiches Aussehen bedeutet nicht gleiche Sicherheit. Besonders bei sicherheitsrelevanten Produkten wie Elektrowerkzeugen oder Installationsmaterialien kann eine Fälschung erhebliche Risiken bergen.

Warum das Thema für das Handwerk relevant ist

Gerade im Bau- und Ausbaubereich spielen folgende Faktoren eine entscheidende Rolle:

  • Normkonformität und Zertifizierungen
  • Haftung im Schadensfall
  • Langfristige Belastbarkeit
  • Ersatzteilversorgung
  • Gewährleistung und Herstellersupport

Ein vermeintliches Schnäppchen kann hier schnell teuer werden – sowohl wirtschaftlich als auch sicherheitstechnisch.

Politische Forderungen

Europäische Wirtschaftsverbände fordern:

  • Bessere personelle und digitale Ausstattung von Zoll- und Marktüberwachungsbehörden
  • Mehr Haftung für Plattformbetreiber
  • Ein gesetzliches „Stay-Down-Gebot“ für gelöschte Fälschungen
  • Konsequente Durchsetzung des Digital Services Act (DSA)

Ab Juli 2026 soll zudem ein pauschaler Zollsatz von 3 Euro pro E-Commerce-Paket unter 150 Euro eingeführt werden.

Fazit

Der Plagiarius 2026 zeigt im Jubiläumsjahr: Innovationsklau bleibt ein strukturelles Problem des globalen Handels. Die ausgezeichneten Fälle machen deutlich, wie professionell Fälscher mittlerweile agieren – von Babyprodukten bis zu Sanitärtechnik. Für Handwerk und Industrie gilt weiterhin: Qualität, geprüfte Sicherheit und geistiges Eigentum lassen sich nicht kopieren.

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